Meine sehr geehrten Damen und Henen, liebe Schwestern und Brüder!
Vor drei Wochen [im Oktober 2012 R.K.] habe ich das Dekanat Sulzbach-Rosenberg besucht und war tief angerührt von der Gastfreundschaft, die ich dort erfahren durfte. Bei einem großen Empfang stellte sich das Dekanat, mit allem, was es auszeichnet und
besonders macht, vor.
Natürlich gab es auch einen Stand, der die Beziehung zu den Böhmischen Brüdern lebhaft illustrierte und ich fand es sehr eindrücklich, wie intensiv und gut gepflegt die Partnerschaft zwischen dem Dekanat Sulzbach-Rosenberg und den Böhmischen Brüdern in Ostmähren ist.
Das freut mich sehr - ist es doch immer ein gutes Zeichen, wenn Kirchen über den eigenen Tellerrand hinaussehen. Es ist gut zu wissen, wie evangelischer Glaube in einem anderen Umfeld aussieht, auch wenn die beiden Länder Nachbarn sind. Es ist gut zu wissen, wie unterschiedlich und doch auch ähnlich evangelischer Glaube unter verschiedenen Bedingungen gelebt wird. Und es ist gut zu wissen, wie evangelischer Glaube und Weltverantwortung - gerade auch die Kooperation mit nichtkirchlichen Partnern - sich gestalten.
Ich bin sehr froh darüber, dass das Dekanat Sulzbach-Rosenberg und die Böhmischen Brüder den Schritt aufeinander zu gewagt haben. Denn nur, wenn wir uns von Angesicht zu Angesicht treffen, miteinander reden, Erfahrungen austauschen, entsteht wirkliche Begegnung. Und Begegnung überwindet Grenzen. Auch wenn die Grenzzäune zwischen Ost und West vor über 20 Jahren gefallen sind - die Grenzen in den Köpfen und Herzen existieren oft genug noch weiter. Zum Teil sind es alte Vorurteile, zum Teil neue Ängste - auf jeden Fall ist dies keine gute Basis, die Zukunft zu gestalten. Gemeinsam haben Sie sich daran gemacht, alte Bilder zu verändern und zwar bei denjenigen, die die Zukunft gestalten werden: bei unseren Kindern. Der gemeinsame Austausch im Bereich von Kindergärten und
Kindertagesstätten ist ein Schwerpunkt Ihrer Partnerschaftsarbeit und das will ich ganz
deutlich unterstützen: Unsere Kinder geben gemeinsam Europa ein Gesicht imd je weniger
Grenzen sie in ihren Köpfen und Herzen haben, desto besser.
Unsere beiden Kirchen haben ihren Ursprung in den reformatorischen Bewegungen des späten Mittelalters. Das hält für uns die Erinnerung wach, dass sich die gute Botschaft von der Liebe Gottes, wie sie in Jesus Christus Mensch geworden ist, immer wieder Bahn bricht - an unterschiedlichen Orten und auf untersehiedliche Weise. Gerade wenn wir in Deutschland auf das Reformationsjubiläum 2017 zugehen, ist es wichtig im Blick zu behalten, dass die Reformation weder eine deutsche Erfindtmg noch ein nur deutsches Ereignis gewesen ist. Mir ist es deswegen wichtig, dass die Kirche der Böhmischen Brüder auch hier ihr Gesicht zeigt, um der Vielfalt im europäischen Protestantismus willen.
Sie werden sich heute und in den kommenden Tagen über Fragen Ihrer Kirche, deren Gemeinden und dem Wirken in der Gesellschaft beschäftigen. Ich wünsche Ihnen bei Ihren Beratungen die Kraft des Heiligen Geistes, über den Tellerrand hinauszusehen und das
freundliche Geleit unseres Gottes.
[vorgelesen am 10. November 2012 im Rahmen des Konvents der Böhmischen Brüder des Seniorats Ostmähren in Vsetin].